"Schriftwechsel" ist Entscheidungshilfe und Wegweiser im täglichen Umgang mit Schrift. Es ist Standardwerk, führt ein in Form und Funktion, zeigt Entscheidungskriterien auf für Schriftwahl und Schriftmischung. So trocken steht es auf dem Klappentext.
"Schriftwechsel" ist weit mehr als dies. Bevor ich mich in Superlativen verliere, ich bin restlos begeistert von Stephanie und Ralf de Jongs Arbeit. Sie haben ein Buch geschaffen, das seinen Leser mit Herz und viel Liebe zum Detail in die Welt der Schriften entführt. Natürlich gibt es eine kurze Einführung in die Handelsware Schrift bevor es an die Details geht: Formprinzipien, das Schriftbild, den Satz, Schriftsippe, Schriftmatrix, Moden und Trends, Digitaler Zeichensatz und vieles mehr. Vor all dem räumt es aber auf, mit drei Irrtümern.
- Irrtum 1: Die richtige Schrift muss man erfühlen.
- Irrtum 2: Ohne Kenntnisse der DIN-Schriftklassifikation läuft nichts.
- Irrtum 3: Um eine Schrift kennen zu lernen, prägt man sich ihre Formdetails ein.
Befreit kann man sich dann ans Werk machen, die Welt der Typografie zu entdecken. Und damit dieses Abenteuer ein ganz einzigartiges wird, hat Familie de Jong ihr Standardwerk mit vielen Zeichnungen versehen, mit Bildern und mit Typo-Spielereien. Als ob diese Details nicht genug wären, wer den Einband entfernt, findet ein mit Leinen bespanntes Hardcover, auf dem mit weißer Acrylfarbe ein quadratischer Bereich markiert ist. Dieser Bereich ist so etwas wie das Herz des Buches. Im Innenteil mittels einer Perforation gekennzeichnet, finden sich in dem Quadrat alle wichtigen Informationen. Zeichnungen, Zusatzinformationen, Querverweise sind außerhalb am Rand platziert. Man erkennt die Ausbildung von Stephanie und Ralf de Jong.
Das Layout täuscht nicht über das umfangreiche Fachwissen hinweg. Wissensvermittlung ist immer noch Ziel dieses Buches. Aber es zeigt, dass dies auch in einem zweifelsfrei wunderschönen Umfeld stattfinden kann.
Nach der Arbeit kommt bekanntlich das Vergnügen, auch wenn das in diesem Fall wohl nicht ganz zutreffend ist. Nach dem allgemeinen "Technik"-Teil, folgt de Jongs persönliches Vergnügen, Kapitel 2, die 50 Lieblingsschriften. Jede Schrift wird mit einer Mustertextkolumne im Lesegrad vorgestellt. Anstatt eines Bildtextes wurden praktische und historische Informationen zusammengetragen. Zudem gibt es einen tabellarischen Überblick. Je Schrift eine Doppelseite.
Weil aber "Abwechslung des Lebens Würze ist" folgen auf die 50 200 weitere Lieblingsschriften. Schriften, die den Status "Liebling" nicht, noch nicht erreicht haben, aber durchaus das Potenzial dazu besitzen. So müssen sich mehrere Schriften eine Doppelseite teilen. Präsentiert werden die 200 Schriften als fortlaufender Text. Als Lesestoff ausgewählt haben de Jong den Anfang von Anne Cuneos Roman "Garamonds Lehrmeister". Genial.
Einziger Wehrmutstropfen ist vielleicht der hohe Preis des Buches. Bei rund 90 Euro muss man schon fast von einer Investition sprechen. Sicherlich, eine Fehlinvestition kann dieses Buch gar nicht sein. Doch Investitionen werden meist wohl bedacht. Damit dürfte das Buch über den Zirkel der Schriftentscheider kaum hinauskommen. Schade, denn es bietet viel zu entdecken und so mancher Designer oder Redakteur könnte feststellen, dass mit Buchstaben malen etwas ganz wunderbares sein kann.

















